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Die Sage von Wittenberge nach Gertrud Schröder

Aus dem Buch "Alt Wittenberge von gestern und heute", 1930,  Im Selbstverlag erschienen. / Kommissionsverlag Mar Henschke, Wittenberge Bez. Pdm.  

Lange, lange ist es her. Im Mittelalter war es. Die Jahreszahl weiß ich nicht. Der Tag von Johanni ging schlafen. Da saß auf dem hohen Söller der Burg Wittenberge das Fräulein Kunigunde. Ihre langen, blonden Haare wehten im Winde. Leidvoll starrten ihre großen, braunen Augen in das Abendrot. Eine Träne schimmerte an der dunklen Wimper. Die linke Hand stützte die weiße Stirn. Schlaff lag die rechte auf dem Schoß. Zart wie ein verwehtes Blumenblatt leuchtete sie aus den lichtblauen Falten des tiefgegürteten Gewandes.

 

Schöne Kunigunde, bist du nicht die Braut des vornehmsten Grafen hier zu Lande?

Ist nicht morgen deine Hochzeit?

Und du weinst? Was bekümmert dich?

Oh, schweigt, ihr lauten Frager!

 

Kunigunde dachte nicht an ihre Hochzeit und nicht an den Grafen, der morgen ihr Gatte werden sollte. Sie dachte an den anderen, den geliebten Mann, den sie vergessen sollte, dem sie die Treue nicht halten durfte, den sie betrog. Er lebte noch, das fühlte sie. Irgendwo, fern der Heimat lebte er und gedachte ihrer in Treue. Warum war er nicht wiedergekommen?      

      
Nun war es zu spät.Weh ihr und ihm, würde er jetzt heimkehren! Wie das Abendrot flammte! Geradeso wie damals,als sie die seligste Braut war und dem Geliebten ewige Treue schwur. Um diese eine hohe Stunde ihres Lebens kreisten ihre Gedanken Tag für Tag. Sie flogen auch jetzt wieder in Qual und Seligkeit den gewohnten grauen Weg durch drei Jahre voll Sehnsucht und Herzleid zurück in die glücklichen Tage ihrer jungen Liebe, da der Himmel tiefer blaute, die Erde reicher duftete und alle Menschen schön und freundlich waren, da selbst die grauen Turmzinnen, die alte Schloßmauer, der Hof und die Stadtdächer lustig lachten, da die Luft voller Wunder hing, darin das Gehen ein Schweben und das Atmen Seligkeit war.

Sie wußten es beide zuerst nicht, daß das Wundersame in ihnen selbst lag, und daß es Liebe war. An jenem Juniabend erst wurde es ihnen offenbar, als der alte Harfner zum ersten Male das neue, kleine Lied sang, auf das die übrigen Gäste in der Halle kaum achtgaben.

 

„Du bist min, ich bin din:

des solt du gewis sin.
Du bist beslozzen

in minem Herzen;
verlorn ist das Slüzzelin:

Du muost immer darinne sin.“

 

Da trafen sich ihre Blicke, standen verwundert still, irrten weiter, kehrten zurück und hielten sich endlich hell und sicher fest. Hernach standen sie beide allein hier auf dem Söller und sprachen sich die liebevollen Herzen frei. Still und fein horcht eines auf die minneholden Worte des anderen! Sie küßten sich und hielten sich umschlungen und wußten sich eins für alle Ewigkeit.

Die sinkende Sonne hatte am Abendhimmel ihr Freudenfeuer entzündet. Sie waren, überschüttet von ihren Gluten, in seligem Einklang mit Himmel und Erde in ihren Anblick versunken und meinten, durch das riesige Flammentor in den offenen Himmel hineinzuschauen.

 

„Du bist min, ich bin din“, sang er leise und blickte sie in innigem, sinnendem Entzücken lange an.

„Du Schönste, du Liebste! Meine Braut! Heller noch als der Himmel leuchten deine lieben, braunen Augen! Tief auf ihrem Grunde brennt eine heilige Flamme!“

„Du hast sie angefacht, Geliebter“, antwortete sie einfach. „Nun muß sie ewig brennen. Sie kann nimmer verlöschen.“

Von der Hand streifte sie ihr schönes Goldringelein, reichte es ihm dar und schwur: „ Die heilige Flamme soll mein Herz verzehren, wenn ich dir untreu werde!“

 

Da beugte er sich nieder und küßte andächtig ihre Hände, zog sie an sein Herz und küßte ihre Augen und ihren Mund. Das war am Johannistage gewesen, morgen vor drei Jahren. Am anderen Tage war der Liebste mit seiner Werbung vor den Vater getreten Da begann das Leid. Dem Herrn von Wittenberge genügte der einfache Ritter nicht als Gemahl seiner schönen Tochter.

Hochmütig wies er den Freier ab. Wenn er Ruhm und Heldentaten aufzuweisen hätte, könnte er wiederkommen!Sie hörte noch die letzten herrischen Worte, als sie nach mutwilligem Umherstreifen durch die Gemächer fröhlich überrascht den Saal betrat.Da freilich versagte der beflügelte Fuß den Dienst.

Sie sah die geliebten Augen in Zorn und Weh aufblitzen, sah den stolz geschlossenen Mund, ein Verneigen, und hörte wie in weiter Ferne einen festen Schritt sich entfernen.Ihr Herz drohte zu zerspringen in Schmerz und Weh.

 

Der Vater sah das nicht, oder er wollte es nicht sehen. Er sprach kein einziges Wort über des Ritters Werbung, und auch später erwähnte er niemals den Liebsten. Legte sie aber mit bittenden Augen und flehenden Lippen die Arme um seinen Hals, so löste er sich unwillig von ihr und lächelte kühl:

„Schlag dir den kleinen Junker aus dem Sinn, den Milchbart und Herrn von Habenichts! Solch junger Fant ohne Rang und Ruhm soll sich nicht erkühnen, die Augen zu meiner Tochter zu erheben.“

Sie wagte nicht zu antworten. Sie kannte des Vaters stolzen Sinn. Ihre Stärke lag im Warten. Tag für Tag dachte sie an den Geliebten. Was würde er tun?

Sich bescheiden? Nimmermehr! Er würde Kampf suchen. Sein Name würde von allen Edlen gepriesen werden.

Fahrende Sänger würden von seinen Heldentaten singen. Auch der Vater würde aufhorchen. Und eines Tages würde der Liebste hier wieder einkehren. O Seligkeit! Sie hoffte Tage, Wochen, Monate.Es verging ein Jahr und noch eins.

 

Nichts hörte sie von ihm, dem sie sich verlobte, dem sie Treue schwur. Nur das eine hatte Sie erfahren, daß er sein Schloß verlassen und die Verwaltung sein Vogt übergeben hatte. Seitdem sprach niemand von ihm. Er war von allen vergessen. Viel andere Ritter kehrten auf Schloß Wittenberge ein. Mancher bewarb sich um Kunigunde. Oefters war es ihr gelungen, den Vater zu einer Absage zu bestimmen.

 

Kam ein Sänger, so lauschte sie mit klopfenden Pulsen in heißer Erwartung, daß endlich, endlich der geliebte Name fiel. Umsonst. Ein anderer Name aber wurde oft genannt. Sein Träger kam immer häufiger, und stets wurde sie gerufen, wenn er da war. Sein Auge blickte stolz, und sein Gang war edel. Sein Name war berühmt, sein Schloß war fest und groß. Dem Vater gefiel der Ritter. Als er sich um Kunigunde bewarb, half ihr kein Bitten und Flehen, der Vater verlobte sie dem Ritter. Und morgen, morgen war ihre Hochzeit. – 

 

Aufschluchzend sank Kunigundes Kopf auf das kühle Gemäuer des Altans. Die letzten Sonnenstrahlen streichelten ihren blonden Scheitel. Ein lauer Westhauch koste liebreich die glänzenden Locken. Der Abendfrieden sank nieder auf Burg, Stadt und Wälle. Die Kornfelder sangen ihr Wiegenlied. Heu und Wiesen dufteten. Schilf raschelte. Leise murmelten die Wellen der Karthane. Das Stepenitzwehr rauschte. Die Wassermühlen gingen in ihrem müden Takt. In der Ferne ließ Burg Garsedow ihre Fenster im Abendschein aufblinken. Breit lag der Elbstrom da. - - -

Halali! Halali! Halali! Kunigunde sprang auf. Die Stunde war da. Von der Jagd im Eichenwald Brahmhorst kehrten der Vater, der Bräutigam und die Gäste heim. Noch einmal flog Kunigundes Blick über die geliebte Heimaterde. Dann ging sie in die Kemenate, sich zu schmücken. Bald erlebte der Burghof von wiehernder Rosse Gestampf, von Schwerterrasseln und frohem Männerlachen.

In der Halle begrüßte das Burgfräulein die Gäste. Der Verlobte führte sie zum festlich prangenden Mahle. Bei auserlesenen Speisen, kostbarem Wein, Liedern und Harfenklang wurde der Vorabend der Hochzeit gefeiert. Die frohe Stimmung bevorstehender Festtage beherrschte die Tafelrunde. Niemand wusste etwas von dem ahnungsschweren Bangen im Herzen der Braut. –  Vor Jerusalem, dem heißumstrittenen, ruhten kampfesmüde Christen-schwerter und Türkensäbel. Mancher edle Streiter des Kreuzheeres hatte sich durch Mut und Taten die goldenen Sporen, Ehre und Reichtum erworben.

 

Der Berühmtesten und Tapfersten einer war ein junger Ritter aus der Nordmark. Am Helm und Harnisch trug er die Farben seiner Braut. Im Herzen trug er mehr: seine Liebe. Sein Kleinod war ein Ringlein an seinem Finger. Das hatte ihm seine Braut in seliger Stunde als Pfand ihrer Liebe und Treue geschenkt. Der Vater hatte ihm die Braut verweigert, als er um sie freite. Er war dem Burgherren von Wittenberge zu unbedeutend gewesen. Wenn der junge Ritter der Stunde dachte, stieg ihm das Blut in die Wangen.

 

Jetzt würde der stolze Vater mit seinem Eidam wohl zufrieden sein. Könige und Fürsten hatten ihn ausgezeichnet. Der Papst selbst hatte ihm seine Anerkennung geschrieben und ihm ein mit Edelsteinen geschmücktes Kruzifix überreichen lassen. Das würde dem Burgherren an der Niederelbe wohl genügen.

 

Wäre er nur erst da, und könnte er nur endlich wieder seine minnigliche Braut in die Arme schließen!Jetzt, da der Kampf ruhte, trieb ihn die Sehnsucht heim. Fast drei Jahre lang hatten dem Sohne des Nordens Palmen und Zedern gegrünt. Wie freute er sich auf den Sand und die Eichen der Mark! Froh sammelte er seine Getreuen und begab sich auf die Heim- und Brautfahrt. Gar weit war die Reise. Viele Wochen währte sie. Der Ritter wünschte sich oft Flügel. Endlich hielt er, Einlaß heischend, vor der Burg seiner Väter. Forschend schaute der Vogt dem Ankommenden in das wettergebräunte, männliche Antlitz. Wer war das? Dies Gesicht mußte er doch kennen. Diese Augen...! „Gnädiger Herr!!!“

 

Knappen, Knechte und Mägde kamen auf des Vogtes Jubelruf herbei und umringten den Heimgekehrten. Alle wollten ihn sehen und einen Händedruck von ihm erhaschen. Der Herr war wieder da, der Herr, den man schon tot geglaubt hatte, da in drei langen Jahren keine Botschaft von ihm gekommen war. Der Ritter lachte. Er war daheim! Mit klirrenden Sporen betrat er sein Schloß und durchschritt die wohlbekannten Gemächer.

 

Doch frohe Ungeduld ließ ihn nicht lange rasten. Heissa, jetzt ging es zur Braut! Er befahl, zur Fahrt nach Schloß Wittenberge zu rüsten und es an nichts fehlen zu lassen. „Nach Wittenberge?!“ rief der ahnungslose Vogt aus, „da ist ja heute Hochzeit!“ Verständnislos starrte der Ritter seinen Vogt an. „Hochzeit? Auf Wittenberge? Wer feiert auf Schloß Wittenberge Hochzeit???“

 

„Das einzige Töchterlein des Burgherren, Fräulein Kunigunde, feiert heute Hochzeit mit einem gar vornehmen Herren!“„Du lügst! du lügst! du lügst!!!“

 

Hin und her schüttelte die gepanzerte Ritterfaust den verblüfften Vogt. Was bedeutete das? Was war in seinen Herrn gefahren? „So wahr, wie ich hier stehe!“ beteuerte er. Die Faust ließ los. Aber der Geschüttelte erschrak noch mehr. Sein Ritter stand da bleicher als die feinen Leinwandtücher in den Truhen, das Auge unverwandt auf die gespreizten Finger seiner freien Hand gerichtet, an der ein winziger Goldreif steckte.

 

Plötzlich lachte er gellend auf, taumelte und wäre auf den Steinboden gestürzt, hätte ihn der Vogt nicht noch emporgerissen. Ein Schrei noch entquoll der Brust des Ritters, schluchzend, zerrissen, zu Tode verwundet, dann saß er da mit stierem Blick und finsterer Stirn. Schließlich sprang er klirrend auf, und wie ein Racheschwur fiel sein Befehl vom Fenster hinab in den Burghof: „Auf!“ Alles, was Waffen trägt, zu Pferd!!“ Dem Vogt graute es. – 

 

Des Johannistages warme Sonne hatte auf Burg und Stadt Wittenberge gelegen und sich gespiegelt im Glanz der Rüstungen, Gewänder und Geräte, die zur Hochzeit des Burgfräuleins aufgeboten waren. Die Sonne ging unter. Doch hoch gingen weiter die Wogen der Freude. Schmaus und Trank, Sang und Tanz, Jubel und Lachen erfüllte die Menschen und wirbelte durch die Räume von dem Wächterstübchen im Burgturm bis hinab zur Kammer des Ackermanns im Städtlein.

 

Keiner sah die verheerende Flamme, die an allen Enden des Städtleins aufzüngelte. „Feuer, Feuer!“ erscholl es plötzlich, aber zu spät. Im Nu war die Stadt ein Flammenmeer. Die Bürger stürzten hin , das Feuer zu löschen, ihr Häuschen zu retten, ihre Habe zu bergen. Sie liefen, hetzten, keuchten, trugen Greise und Kinder, schöpften Wasser, schleppten Betten. In ihr Rufen, Schreien und Weinen hinein klangen Hufschläge heran-galoppierender Rosse. Ein geharnischter, schwarzgekleideter Ritter mit geschlossenem Visier sprengte, gefolgt von seinen bewaffneten Mannen, durch das Stadttor und die Straßen, ritt nieder, was sich ihm in den Weg stellte und stürmte die Burg.

Der Burghof, die Halle, die Säle, die Stadt klirrten und dröhnten im Kampfgewühl. Flammen schlugen auch aus der Burg zum Himmel empor. Nichts half es den vom Hochzeitsbraten und Hochzeitswein aufgeschreckten Rittern, daß sie mit der Kraft der Verzweiflung ihre Schwerter schwangen. Sie wurden übermannt.

Immer voran, unüberwunden und unüberwindlich, bahnte sich der schwarze Ritter den Weg durch die Gemächer, bis er sie fand, die er suchte.

 

Im halb schon brennenden Gemache stand sie. Der Brautschmuck strahlte über ihrem blonden Haupte. Ihr liebliches Antlitz, versteinert im Entsetzen, vom Widerschein des Feuers übergossen, war ihm zugewandt. Das Schwert entfiel seiner Hand. Er sprang auf sie zu und riß sie an seine Brust.

Ein Eisenhandschuh schlug klirrend auf den Estrich zu Kunigundes Füßen. Vor ihren schaudernd halbgeschlossenen Lidern reckte sich eine gebräunte Männerhand empor. Ein winziger Goldreif blitzte daran. Kunigundes Augen öffneten sich weit. Ihr Herz tat einen schnellen Schlag.

 

„Die heilige Flamme brennt, Kunigunde! Dein Schwur erfüllt sich fürchterlich!“ Das Visier fiel herab. Auge sah in Auge – starr – erkennend – sah hinab bis auf den tiefen Grund der Seele, lange, lange – ewigkeitslang. Welt und Leben lagen fern.

 

Alle Not wich, und tiefes, erbarmendes Verstehen neigte sich erlösend von Seele zu Seele. Kunigunde wollte sprechen, aber die Stimme war schon in der Ferne, wo Erde und Leben entschwanden. Auf ihre bebenden Lippen preßte sich des Ritters Mund. Das Gemäuer wankte. Festumschlungen sanken die unglückselig Wiedervereinten in den Flammentod. ...

 

Die aufgehende Sonne des nächsten Tages sah ein rauchendes Trümmerfeld, wo gestern Burg und Stadt im Festschmuck glänzten. Sie sah ein paar arme, obdachlose Menschen, die die Stätte des Frevels flohen und elbabwärts auf einer sanften Erhöhung zwischen Wiesen und Gräben das erste, notdürftige Zelt aufschlugen.